Texte

Veronika Schöne, Textauszug aus dem Katalog „Schwarzbass Zwei“, Stadtgalerie Brunsbüttel, 2015

 „Schwarz gibt den Ton an“

Manfred Eichhorns bizarre Gebilde sind ebenfalls in Bewegung begriffen. Sie stehen auf der Grenze von Natur und Architektur, irgendwo zwischen bionischen Bauten und Meeresgetier, das im Dunkel der Tiefsee geheimnisvoll glimmt. Die transitorischen Formen sind im doppelten Sinne bewegt: Zum einen wandern sie wie Medusen durch Kontraktionen von einem Punkt zum anderen, zum anderen wandeln sie sich durch Verformungen von einer Gestalt zur nächsten. 

Das Schwarz ist Kontrastfolie, auf welche die fluoreszierenden Gebilde aus filigranen Verknüpfungen weiß gesetzt sind. Glänzendes Chromoluxpapier verleiht der einfachen weißen Ölfarbe ein Leuchten, als besäße sie ein Eigenlicht. Schwarz ist aber auch die Tiefsee als Lebensraum. Doch ist das Leben im Dunkeln gleichwohl gespenstisch konnotiert. Aus den Tiefen des Meeres tauchen Ungeheuer auf wie aus dem Unbewussten der menschlichen Seele. Vielleicht sind es die Urformen von Eichhorns Gebilden, die den Schwarzraum als Anfang auszeichnen, der aus der Unendlichkeit bis in die Gegenwart des Betrachters herüberschimmert. Vielleicht ist es diese Unendlichkeit, die die Schwarzräume der Wirklichkeit von All und Ozean immer irgendwie unheimlich erscheinen lässt. 

Veronika Schöne, 

anlässlich der Ausstellung  „Schwarzbass Zwei“, Stadtgalerie Brunsbüttel, 2015


 

Wolf Jahn, Hamburger Abendblatt, 2011

Weiß auf schwarz präsentiert Manfred Eichhorn seine postorganischen
Architekturen, Gebilde, die wie natürlich gewachsen scheinen.
Manche seiner weiß fluoreszierenden, sich aus sternförmigen Punkten
und filigranen Vernetzungen aufbauenden Architekturen erinnern an Medusen,
meereswesen irgendwo nahe dem Grund des Marinegrabens, andere an Vögel.

Die meisten jedoch bleiben ohne natürliches Vorbild. Nur ihre Tektonik zitiert
die Vorstellung von Organik, von künstlichen Organismen, die sich in Eichhorns
Bildern frei schwebend wie Raum. und Tiefseeschiffe in unergründlicher Finsternes bewegen.

Wolf Jahn

anlässlich der Ausstellung  „Schwarzbass “, Westwerk, Hamburg, 2011

 


 

Textauszug aus dem Katalog “Umwege”, Einstellungsraum, 2011

Parodie Peripherie Dissidenz
Dr. Johannes Lothar Schröder zur Ausstellung UMWEGE
von Ralf Jurszo und Manfred Eichhorn

Rhythmische Wiederholungen gehören ebenfalls zu seinem Repertoire. Aus stereotypen Pinselstrichen und Farbklecksen mit verschiedenen Far- ben und Konsistenzen der Farbmassen entstehen Gebilde, die an Lebe- wesen erinnern, welche in Form von Schwärmen in bestimmten Konstel- lationen auftreten. Diese künstlerische Modalität ist auch auf den Zeich- nungen, die rechts  neben den Videostills ausgestellt sind, zu beobach- ten. Formationen, die sich auch beim Flug von  Kranichen oder Gänsen zeigen Schwärme, die Metakörper bilden. Welche klarer definierten Formen sich daraus entwickeln können, lässt eine Bildfolge im Kellerraum erahnen, in der drei verschiedene Kreisformen auf dunklem Grund in ein Verhältnis zueinander gesetzt wurden. Die drei zweiteiligen Extremitäten erinnern an Beine, die mit einem Körper verbunden, Lebewesen in scheinbar unterschiedlichen Bewegungsphasen. Man liegt also nicht falsch, wenn man an Animationsfilme denkt. Womit an dieser Stelle eine Rückkehr zum Ausgangspunkt, den „Dithmarscher Tänzen“ möglich ist. Auch in der Dar- stellung von Tanzschritten, die neben den zeichnerischen Darstellungen mittels Stücken von Klebmasse auch als Bodenarbeit im Schaufenster ausgelegt sind, handelt es sich um Formationen, die aus Folgen stere- otyper Bewegungen abgeleitet sind. Bei den „Dithmarscher Tänzen“ würde man allerdings nicht von einer Choreografie sprechen, sondern die Fußspuren als eine zeichnerische Improvisation ansehen, die ein „als Ob“ des Tanzens darstellen, das vielleicht auch im parodistischen Sinn gemeint ist. Die Zeichnungen bilden keine Notationen von Tänzen, sondern sind eine Abstraktion von Tanznotationen, die zu absurden und unmöglichen Bewegungen führen würden, wenn man sich darauf einließe. So kommt es vor, dass rechtes und linkes Bein über Kreuz gehen müssten, was beim Hüpfen zur Folge hätte, dass Tänzer und Tänzerin umfallen. Andere kreuzweise Schritte legen sogar einen Austausch der Beine nahe. Selbst die unterschiedlich großen Füße nähern sich infolge der stereotypen Wiederholungen der Sohlen und Absatzformen in Größe und Umriss an. So erzeugen sie ein Bild der Gesellschaft, deren Elemente/Cluster sich vertauschen, deren Regeln ständig neu ausgelegt werden und die wegen der schnell wechselnden Bedingungen kaum zum Konsens taugen.

Von außen betrachtet scheinen die Bewegungen der jeweiligen Formationen wie die im trocknenden Lack auftretenden Wölbungen, Risse und Falten zufällig und unkoordiniert. Das Bild freilich führt, wie es die Lebewesen und Objekte zeigen, die Eichhorn in verschiedenen Serien mit stereotyp angebrachten Farbtupfern auf schwarzen Hintergründen her- stellt, zu Tiefseeorganismen und wimmelnden Schwärmen. Lässt man sich auf diese Assoziation ein, so bilden diese als Lebewesen durchaus sinnvolle Formationen von Zellen, die unter extremen Bedingungen (z.B. in der Tiefsee) ihre Überlebenschancen wahrnehmen und verbessern. Meeresbiologen halten die vertikale Migration der Meerestiere, die Nachts aus der Tiefsee zum Fressen in höhere Wasserschichten aufsteigen und sich Tagsüber wieder in die Schutz bietende dunkle Tiefsee zurückfallen lassen, für die größte Migrationsbewegung2  auf unserem Planeten. Die Rationalisierung des Lebens der Meeresbewohner findet in der rationalisierten Farbtupfenmalerei Eichhorns ein Echo, in dem eine tiefe Verunsicherung nachhallt, und der Suchen nach neuen Strategien des Lebens gewidmet ist.

Dr. Johannes Lothar Schröder

anlässlich der Ausstellung  „Umwege“, Einstellungsraum, Hamburg,, 2011

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